Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Nicki Thiim

Nickis Thiims mit Spannung erwartetes DTM-Comeback beim Lamborghini-Topteam SSR ging ordentlich in die Hose: Auch weil er davor nicht mit Kriegsrhetorik sparte

Liebe Leserinnen und Leser,

Titel-Bild zur News: Nicki Thiim

Nicki Thiim hätte sich sein DTM-Comeback sicher anders vorgestellt Zoom

wer hat beim spektakulären DTM-Saisonauftakt in Oschersleben vor gut gefüllten Rängen am schlechtesten geschlafen? Da gäbe es einige Kandidaten: Titelverteidiger Thomas Preining, der auf seiner Lieblingsstrecke chancenlos war. Marco Wittmann, der am Samstag dank Full-Course-Yellow aus dem Nichts auf Siegeskurs lag und dann ausrollte. Oder sein Teamchef Torsten Schubert, dessen Mechaniker bei Wittmann einen Kanister Sprit zu wenig eingefüllt hatte.

Wir haben uns aber für Nicki Thiim entschieden. Der Sohn von DTM-Legende Kurt Thiim feierte dieses Wochenende nach dem schiefgelaufenen T3-Gastspiel im Jahr 2022 mit dem Lamborghini-Topteam SSR Performance sein Comeback in der Traditionsserie. Doch das ging ordentlich in die Hose, denn er reiste mit null Punkten ab.

Kriegsrhetorik auf Instagram

Dabei hatte er vor dem Auftakt noch einen auf dicke Hose gemacht - mit fragwürdigen Postings auf Social Media: Nach dem finalen Oschersleben-Test in der Woche vor dem Saisonstart veröffentlichte er eine Instagram-Story mit dem Text: "Next Week we are going to War. Finally Time to unleash the killing Machine."

Ein einmaliger Ausrutscher? Drei Tage später, also am 20. April, schrieb er: "Exactly one Week until we hit the DTM Battlefield for the first Time." Und am Freitag in Oschersleben gab er bei meinem Ran-Kollegen Mike Stiefelhagen ein Interview, in dem er erneut sagte: "Gehen wir in den Krieg."

Klar ist Nicki Thiim einer, der gerne andere auf die Schaufel nimmt, ein bisschen aneckt, sich selbst nicht so ernst nimmt und schon mal für einen lockeren Spruch sorgt. Alles gut! Dass er mit seinem Rauschebart und den langen blonden Haaren nicht die angepasste phrasendreschende Sprechpuppe ist, wie sie sich viele Hersteller wünschen, sondern mit dem Bad-Boy-Image spielt, ist auch wirklich erfrischend. Und eine Bereicherung für die DTM.

Und ich bin der erste, der sagt: Wir brauchen echte Fahrertypen, die ein eigenes Profil entwickeln sollen und nicht nur wiederkauen, was ihnen die Marketingverantwortlichen der Hersteller und Sponsoren vorgeben. Diesbezüglich hat sich die DTM übrigens nach dem Ende als Herstellerserie durchaus positiv entwickelt. Aber in den Krieg ziehen, die Tötungsmaschine loslassen und Schlachtfeld DTM?

Eine Wortwahl wie diese ist gerade in Zeiten, in denen in Europa rund 600 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt wirklich Krieg herrscht, nicht angebracht, Rockstar hin oder her. Das sollte Nicki Thiim, der 35 Jahre alt ist, eigentlich wissen.

Qualifying-Fahrfehler mit bösen Folgen

Zumal es etwas blöd aussieht, dass er seine "killing Machine" dann auch noch selbst in der ersten relevanten Session der Saison "gekillt" hat. Im Samstags-Qualifying schoss der Aston-Martin-Werksfahrer, der von seinem Hersteller für die DTM die Lamborghini-Freigabe erhielt und von vielen als einer der schnellsten GT-Piloten überhaupt gehandelt wird, kurz vor Schluss in der zweiten Kurve in die Reifenstapel und demolierte seinen Huracan GT3 Evo2.

Den Fahrfehler gab Thiim offen und ehrlich zu - er hatte vor der ersten Kurve zu weit ausgeholt und dadurch einen 360-Grad-Dreher hingelegt. Die Folgen waren bitter: Als Auslöser des Qualifying-Abbruchs wurde nicht nur seine fünftbeste Zeit gestrichen - und er musste als 13. starten. Auch die SSR-Crew hatten durch den verspäteten Beginn des Qualifyings kaum Zeit zur Reparatur und musste zaubern, damit das Auto rechtzeitig einsatzfähig ist.

Im Rennen wurde Thiim dann durchgereicht und gab nach zehn Runden auf, weil das Auto "unfahrbar" gewesen sei. Das Lenkrad sei schief und die Spur verzogen. "Bevor ich das Auto wieder in die Wand stecke, halten wir lieber an", sagte er frustriert auf ran.de. "Ich habe schon genug kaputtgemacht."

Boxenstopp-Drama am Sonntag

Am Sonntag lief es dann aber nur bedingt besser, was möglicherweise auch auf den Samstagsschaden zurückzuführen war: Im Qualifying wurde Thiim zwar immerhin Sechster, dafür legte sein Teamkollege Mirko Bortolotti nach Platz zwei am Samstag eine bärenstarke Runde hin und fuhr Poleposition. Und auch ein anderer Lamborghini-Pilot startete vor Thiim: Grasser-Youngster Luca Engstler wurde Vierter - und sollte am Nachmittag sensationell gewinnen!

Bei Thiim nahm hingegen das Unheil seinen Lauf: Zunächst kam er als Fünfter nicht so recht auf Tempo und hatte die Verfolger im Genick, dann nutzte er die erste Gelegenheit zum Stopp, der aus ungeklärten Gründen komplett schieflief. Die sonst so flinken SSR-Mechaniker bekamen bei Thiim das linke Hinterrad nicht von der Radnabe. Nach 45 Sekunden wurde das Auto aus dem Verkehr gezogen.


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Ein Drama, das sich wenig später bei Bortolotti wiederholte, weshalb das Topteam einen schwarzen Tag erlebte. Und Thiim am Ende neben McLaren-Rookie Ben Dörr und Boxenstopp-Pechvogel Maximilian Paul als einziger beim Auftakt-Wochenende punktelos blieb (aktueller Meisterschaftstand).

Warum man Thiim für seinen Mut würdigen muss

Dem Dänen ist anzurechnen, dass er nach dem Rennen lange in der Box blieb und sein Team bei der Fehlersuche unterstützte, anstatt sofort frustriert abzureisen. Und dass er Markenkollege Luca Engstler nach seinem Sieg auf Instagram mit dem Spruch "LEIDER GEIL" fair gratulierte und den Allgäuer im Fahrerlager feierte.

Dass Bortolotti am ersten DTM-Wochenende schneller war als Thiim, darf nicht verwundern, denn der in Wien lebende Italiener gilt als bester Lamborghini-Pilot überhaupt. Keiner kennt den Huracan GT3 besser als er und kaum einer ist schneller.

Thiim hat zwar bereits im Februar vor der Einführung der Testbeschränkung in Valencia bei der GT-Winter-Series mit Team und Fahrzeug Erfahrung gesammelt, es wäre aber ein Wunder, wenn der Aston-Martin-Quereinsteiger auf Anhieb die Nase vorn hätte. Es ist schon bemerkenswert genug, dass er überhaupt den Mut hat, sich der Herausforderung Bortolotti zu stellen.

Trotz aller Kritik muss man Thiim auch dafür danken, dass er der DTM neben dem Schubert-BMW-Trio Rast, van der Linde und Wittmann die vielleicht spannendste Fahrerpaarung der Saison beschert. Apropos Schubert: Marcel Schmidt, der 2022 mit Sheldon van der Linde beim BMW-Team Meister wurde, ist nun Thiims Renningenieur (siehe aktualisierte Team-Steckbriefe mit allen Schlüsselpersonen der DTM-Saison 2024).

Bevor der "Wikinger" aber wieder große Sprüche klopft, wäre er nun gut beraten, auf der Strecke mit Topleistungen für Wirbel zu sorgen. Dass man ihm alles zutrauen kann, hat der WEC-, Le-Mans-, Nürburgring- und Spa-Sieger längst bewiesen.

Sven Haidinger